Interview
Wie man eine lokale Bits & Bäume organisiert - Interview mit B&B NRW
Am 5. Und 6. März 2026 fand in der Universität Bochum die Bits & Bäume NRW statt. Organisiert wurde die Konferenz vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster, dem Eine Welt Netz NRW e.V. und dem Center for Advanced Internet Studies (CAIS) und war mit über 85 Teilnehmenden aus Nachhaltigkeit, Bildung, IT und Wissenschaft ein großer Erfolg. Wir sprechen mit Sigrid Kannengießer und Anastasia Glawatzki über die Konferenz und bekommen Einblick in die Orga einer regionalen B&B Veranstaltung!
15.06.2026 Leo
Abschlusspanel der Konferenz
Prof. Dr. Sigrid Kannengießer ist Professorin an der Universität Münster in der Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Mediensoziologie. Sie forscht und lehrt zu Digitalisierung, KI Infrastrukturen und Nachhaltigkeit und hat unter anderem einen Forschungsschwerpunkt auf zivilgesellschaftlichen Organisationen und politischen Bewegungen. Von Oktober 2025 bis März 2026 hatte sie ein Fellowship mit dem Schwerpunkt nachhaltige Digitalisierung am Center for Advanced Internet Research (CAIS) in Bochum inne, in dessen Rahmen auch die Bits & Bäume NRW 2026 stattfand.
Anastasia Glawatzki ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Sigrid im Team. Sie interessiert sich seit ihrem Masterstudium für Themen rund um KI, Nachhaltigkeit und Digitalisierung und fokussiert sich in ihrer Dissertation auf die Implikationen von generativer KI für die Wissensumgebung und Wissenspraktiken. Sie hat die Organisation der Bits & Bäume NRW 2026 in allen Bereichen mit unterstützt.
Leo: Wir starten das Interview mit unserer Standardfrage, nämlich: Bit oder Baum?
Sigrid: Beides! Als Digitalisierungsforscherinnen sind wir natürlich primär erstmal Bits, aber als transformative Wissenschaftlerinnen, die nicht nur Wissen generieren, sondern auch Gesellschaft gestalten wollen, sind wir Bit und Baum. Die Nachhaltigkeitsperspektive ist da genauso wichtig, wie die Digitalisierungsperspektive.
Was wolltet ihr mit der diesjährigen Konferenz erreichen?
Sigrid: Wir wollten die Zusammenarbeit des Eine Welt Netzes NRW e.V. und unserer Arbeitsgruppe an der Universität Münster in der Organisation der Bits & Bäume NRW Veranstaltung aus den Jahren zuvor weiterzuführen. Ziel der diesjährigen Konferenz war es, Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Bildung in NRW aus dem Themenfeld nachhaltige Digitalisierung zusammenzubringen, Netzwerke zu bilden, in Austausch zu kommen und konkrete Projekte zu entwickeln, um Digitalisierung gemeinsam nachhaltiger zu gestalten.
Anastasia: Zudem haben wir im Vorfeld einen Forderungskatalog an die NRW-Landespolitik formuliert, der sie in ihrer Verantwortung adressiert, politische Rahmenbedingungen für nachhaltige Digitalisierung zu setzen. Diesen Katalog haben wir auf der Bits & Bäume diskutiert – auch mit der Landespolitik.
Wie habt ihr die Konferenz gestaltet?
Sigrid: Am ersten Tag haben wir den Forderungskatalog ins Zentrum gestellt. Viele engagierte Personen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft haben Workshops durchgeführt, in denen die Forderungen diskutiert wurden. Dann folgte noch eine sehr intensive Podiumsdiskussion unter der Leitfrage „Zwischen Tech-Abhängigkeit und Gemeinwohl: Wie gelingt nachhaltige Digitalisierung in NRW?“, moderiert von unserer Kollegin Anne Mollen. Zu Gast waren dafür Julia Eisentraut, die digitalpolitische Sprecherin der Grünen in NRW, Dr. André Ullrich vom Weizenbaum Institut in Berlin, Rainer Rehak als Vertreter von Bits & Bäume und Dr. Lea Beiermann vom Zentrum Digitale Souveränität, ZenDiS. Am zweiten Tag ging es eher darum, die Teilnehmenden aus den verschiedenen Akteur*innengruppen zusammenzubringen, Wissen auszutauschen und gemeinsam Ideen für konkrete Projekte zu entwickeln.
Wie habt ihr denn die Stimmung auf der Konferenz wahrgenommen?
Anastasia: Ich habe die Stimmung als sehr konstruktiv, freundlich und vor allem motivierend wahrgenommen. Sascha Ivan vom Eine Welt Netz NRW e.V. hat es am Ende so formuliert, dass hier niemand nur Teilnehmerin war, sondern alle auch Teilgeberinnen und Teilhaber*innen waren, weil alle so viel mitgemacht und sich eingebracht haben. Die Veranstaltung hatte eine richtig große Mitmachenergie!
Sigrid: Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive gesprochen war es ein richtiger Vergemeinschaftungsmoment im Weber‘schen Sinne. Das gemeinsame Ziel der nachhaltigen Digitalisierung und der Wunsch, gemeinsam zu gestalten hat ein Zugehörigkeitsgefühl entstehen lassen. Eine kleine Blase der Solidarität in einer zunehmend krisenbehaftete und bedrohlichen Welt sozusagen.
Was ist denn das Besondere an einer solchen regionalen Konferenz für euch? Auch im Vergleich zu den großen Konferenzen?
Anastasia: Durch den klaren regionalen Umriss war es für die Teilnehmenden leichter, konkret darüber nachzudenken, wo man sich einbringen kann und welche gemeinsamen Projekte jetzt angestoßen werden können. Außerdem konnten wir hier sehr konkret die NRW-spezifischen Herausforderungen in den Blick nehmen.
Was für Herausforderungen wären das denn zum Beispiel?
Sigrid: Beispielsweise der Bau der Datenzentren im Rheinischen Revier, der unter dem Slogan „von der Kohle zur KI“ läuft. Die damit angestrebte NRW-spezifische Wirtschaftstransformation wird zum Beispiel in Hinblick auf Arbeitsplätze keine Lösung bringen, denn es werden in den Datenzentren viel weniger Arbeitsplätze geschaffen, als in der Kohleindustrie vorhanden waren. Gleichzeitig gibt es damit zusammenhängend auch weitere, lokale spezifische Herausforderungen, wie die Frage nach Wasserverbrauch und Energieverbrauch durch die Datenzentren. Die stellen sich auch anderenorts, können hier aber mit klarem lokalem Bezug besprochen werden. Ein anderes Beispiel für ein NRW-spezifisches Thema ist Bildungspolitik, denn das ist grundsätzlich Ländersache. Das war ja auch schon Thema unserer letzten beiden Bits und Bäume NRW Veranstaltungen der vergangenen Jahre. Neben der regionalen Ebene hatten wir aber auch eine internationale Perspektive dabei!
Spannend! Was heißt das genau für die Konferenz?
Sigrid: Das war u. a. ein Erfahrungsaustausch mit Anne Pasek, einer kanadischen Forscherin, die schwerpunktmäßig zu Datenzentren und der Problematik arbeitet, mit der wir jetzt auch hier in NRW konfrontiert sind. Ein Workshop, den sie angeboten hat, ermöglichte zu diskutieren, wie die Bevölkerung mit einem solchen Bau in der direkten Nachbarschaft umgehen kann.
Ihr habt am Anfang schon mal den Forderungskatalog erwähnt, den ihr im Vorhinein der Konferenz veröffentlicht habt. Mich würde noch interessieren, was Reaktionen darauf waren. Auf der Konferenz, aber auch davor und danach.
Sigrid: Mit dem Forderungskatalog haben wir ein eher unkonventionelles Format transformativer Wissenschaft mit einer klaren politischen Positionierung gewählt. Das hat im Vorfeld der Veranstaltung einige Diskussionen provoziert. Während der Veranstaltung ist der Katalog sehr positiv diskutiert worden und hat auch zum vorhin bereits angesprochenen Vergemeinschaftungsmoment der Konferenz beigetragen. Auch nach der Veranstaltung haben wir viel Resonanz erhalten. So hat in der Woche nach unserer Veranstaltung der Bau der Datenzentren im Rheinischen Revier begonnen, den wir in den Forderungen adressiert hatten. Anne Mollen, die Sprecherin unserer Forderungen, war dann auch in der Tagesschau und den WDR Medien zu Gast, und konnte unsere Positionen dort einbringen.
Anastasia: Wir haben den Katalog auch an politische Entscheidungsträger*innen und Ministerien geschickt. Davon sind letztlich leider nicht so viele zur Konferenz gekommen, haben uns aber rückgemeldet, dass sie die Forderungen sinnvoll finden und in der weiteren politischen Arbeit berücksichtigen wollen. Wie viel davon jetzt tatsächlich in ihre Arbeit einfließt, ist aber noch offen.
Was waren denn eure Highlights auf der Konferenz? Sigrid: Die ganze Konferenz (lacht). Anastasia: Bei mir war es vor allem die Energie der Konferenz und das Gefühl, dass die Teilnehmer*innen richtig Lust haben, über die Veranstaltung hinaus auch aktiv zu werden.
Und gab es Sachen, die euch überrascht haben?
Anastasia: Für mich war es die Podiumsdiskussion. Das war in der Konstellation und besonders auch mit der politischen Sprecherin der Grünen sehr interessant. Auch ihre Einwände, warum bestimmte Dinge aus dem Forderungskatalog nicht realisierbar seien, waren teilweise eher unerwartet. Sigrid: Da kann ich mich anschließen. Mich hat ansonsten auch die Größe der Veranstaltung, die Heterogenität der Teilnehmenden und die entstehende Diskussionsdynamik überrascht. Eigentlich war es ja mal als kleiner Workshop angedacht und ist dann erst im Prozess zu einer richtigen Konferenz geworden.
Und was sind jetzt nächste Schritte, die ihr in NRW in dem Themenfeld gehen werdet?
Anastasia: Wir sind auf jeden Fall schon an der Planung für die B&B NRW 2027 dran.
Sigrid: Und die NRW-Landtagswahl steht im nächsten Jahr an. Die werden im Fokus der B&B NRW Veranstaltungen stehen.
- Hier geht's zum Rückblick der Konferenz: https://www.eine-welt-netz-nrw.de/bits-und-baeume-nrw/
- Hier geht's zu den Forderungen: https://cloud.collaboratorum.agl-einewelt.de/s/arndxzMLKmLYcMb